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Wirtschaft stellt sich bereits auf den Brexit ein

Frachter  

Niedersachsens Wirtschaftsbeziehungen zum Vereinigten Königreich

Am 1. Januar 1973 ist das Vereinigte Königreich den Europäischen Gemeinschaften beigetreten. In den folgenden Jahren und Jahrzehnten wurden die wirtschaftlichen Verbindungen zwischen dem Vereinigten Königreich und den europäischen Nachbarn immer enger. Mit der Schaffung des Europäischen Binnenmarktes zum 1. Januar 1993 und der Erweiterung der Europäischen Union auf letztlich 28 Mitglieder wurden die Verbindungen noch sehr viel enger und verzweigter.

Die Entscheidung der britischen Regierung, gestützt auf das Referendum vom Juni 2016, die Europäische Union verlassen zu wollen, stellt für die europäische Wirtschaft eine außerordentliche Herausforderung dar. Die über Jahrzehnte gewachsenen Handelsbeziehungen, Warenströme, gemeinsame Zertifizierungen und noch vieles mehr müssen neu geordnet werden. Davon ist auch die niedersächsische Wirtschaft betroffen.

Großbritannien ist für Niedersachsen seit jeher ein wichtiger Handelspartner. Der Handel mit Großbritannien wird zum größten Teil über die Häfen abgewickelt. Niedersachsen mit seinen Seehäfen spielt hierbei eine bedeutende Rolle. Durch einen ungeregelten Brexit drohen im deutsch-britischen Handel wieder Zölle. Damit wäre ein erheblicher bürokratischer Mehraufwand verbunden, der bereits seit Jahren überwunden schien. Dadurch ist der Bund gefordert. Insbesondere das Bundesfinanzministerium muss die Bundeszollverwaltung personell so ausstatten, dass in den deutschen Häfen eine Abfertigung der britischen Waren zügig möglich ist. Andernfalls würden Schiffsrouten in andere Häfen mit schnellerer Abfertigung verlagert und Niedersachsens Häfen würden Umschlag verlieren. Allein für die Häfen rechnet der Bund mit 900 zusätzlichen Stellen in der Zollverwaltung.

Auswirkungen eines ungeregelten Brexits auf die niedersächsische Wirtschaft

Ein ungeregelter Brexit wird erhebliche Folgen für die Handelsbeziehungen Niedersachsens mit dem Vereinigten Königreich mit sich bringen. Allein aus Niedersachsen wurden in 2018 Waren im Wert von 6,2 Milliarden Euro nach Großbritannien exportiert, was einem Anteil von 7,2 Prozent an allen Ausfuhren entspricht. Damit stand das Vereinigte Königreich an dritter Stelle aller Länder.

Der Wert der nach Niedersachsen importierten britischen Waren summierte sich im Jahr 2018 auf 3,2 Milliarden Euro. Damit hatten britische Waren einen Anteil von 3,5 Prozent am Gesamtwert eingeführter Güter. In der Rangfolge der wichtigsten Importländer stand Großbritannien damit an zwölfter Stelle.

Der Wert der importierten britischen Waren ging im Jahr 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 9 Prozent zurück. Eine Ursache könnte sein, dass bereits im Vorfeld des Brexits niedersächsische Unternehmen versuchen, sich von britischen Importwaren unabhängiger zu machen und auf Alternativprodukte anderer Staaten zurückzugreifen.

Dem Institut der deutschen Wirtschaft zufolge (IW-Report 29/19) gingen die Exporte in das Vereinigte Königreich im Dreijahreszeitraum 2018 gegenüber 2015 um 12,2 Prozent zurück. Mit -63,3 Prozent fiel dabei der Rückgang beim sonstigen Fahrzeugbau am stärksten aus, Metallerzeugnisse mussten ein Minus von 35,7 Prozent hinnehmen, Kraftwagen- und Kraftwagenteile gingen um fast 19 Prozent zurück. Unter den umsatzstärksten Warengruppen entwickelten sich die Exporte von pharmazeutischen Erzeugnissen mit einem Plus von fast 19 Prozent gegen den Trend, bei der Chemie gab es ein leichtes Plus von knapp 4 Prozent.

Die tendenziell negative Entwicklung deutet der Studie zufolge auf Brexit-bedingte Einflüsse hin.

Im Rahmen einer Studie aus März 2019 hat sich die Bertelsmann-Stiftung mit den ökonomischen Folgen des ungeregelten Brexits beschäftigt und die möglichen Auswirkungen auch auf regionaler Ebene anhand etwaiger Einkommensverluste aufgezeigt. Im Vergleich der Bundesländer liegt Niedersachsen demnach bezüglich der Betroffenheit durch den Brexit auf Platz vier. Die absoluten Einkommensverluste lägen im Fall eines harten Brexits – je nach Region – zwischen 138 Millionen Euro und 281 Millionen Euro, was relativen Verlusten in Höhe von immerhin 0,3 Prozent der lokalen Wirtschaftskraft entspräche. Die Bürgerinnen und Bürger in Niedersachsen müssten damit jährlich durchschnittlich zwischen 81 Euro und 113 Euro an Verlusten einplanen und lägen damit (teilweise knapp) unter dem Bundesdurchschnitt von 115 Euro.

Grafik  
Quelle: LSN

Warenverkehr Niedersachsen – Großbritannien von 2016 bis 2019

Das Vereinigte Königreich war lange Jahre bis einschließlich 2016 nach den Niederlanden das zweitwichtigste Exportland für Niedersachsen. Hauptausfuhrgüter waren in jenem Jahr Personenkraftwagen und Wohnmobile, Lastkraftwagen und Spezialfahrzeuge sowie Geräte zur Elektrizitätserzeugung, Fahrgestelle/Motoren, Fleisch und Fleischwaren sowie Papier und Pappe. An dieser Gewichtung hat sich bei den Warengruppen in den Folgejahren nicht wirklich etwas verändert. Allerdings hat im Jahr des britischen Referendums die niedersächsische Wirtschaft auf das Brexit-Votum bereits reagiert.

Denn bezogen auf die Ausfuhr niedersächsischer Waren sackte Großbritannien in der Liste der wichtigsten Exportländer im Jahr 2017 von Platz zwei noch hinter Frankreich auf Platz drei ab. Und auch im Jahr 2018 blieb es bei dieser Platzierung. Während der Export niedersächsischer Güter und Waren in EU-Länder im Jahr 2018 um 2,5 Prozent im Vergleich zu 2017 zulegte, nahm der Handel mit Großbritannien noch einmal um 2,4 Prozent ab. Im 1. Halbjahr 2019 dagegen stieg der Ausfuhr in das Vereinigte Königreich um 1,6 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr. Das Vereinigte Königreich belegte im 1. Halbjahr 2019 erneut den 2. Platz bei der Ausfuhr Niedersachsens nach EU Ländern. Dass britische

Unternehmen in den letzten Monaten begonnen haben, vermehrt Lagerhaltung zu betreiben und Güter vom Kontinent zu beziehen, bevor mögliche Zölle erhoben werden, könnte eine Erklärung darstellen.

Anders sieht es bei der Einfuhr britischer Waren nach Niedersachsen aus. Im Jahr 2017 sackte das Vereinigte Königreich auf Platz acht der wichtigsten Herkunftsländer für Güter ab. Und während im Jahr 2018 der Import von Waren aus der EU um 6,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr wuchs, wurden aus dem Vereinigten Königreich immer weniger Waren importiert (minus 9,0 Prozent). Großbritannien sackte im Jahr 2018 auf Platz 12 der wichtigsten Importländer weiter ab. Im 1. Halbjahr 2019 nahm der Import von Waren in EU Länder um 3,2% zu, aus dem Vereinigten Königreich jedoch weiter ab: -9,2 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum im Vorjahr und Platz 7 im Ranking der wichtigsten Importländer.

Diese Daten belegen, dass die Anpassungsreaktionen der Wirtschaft bereits nach dem Refe­rendum vom Juni 2016 begonnen haben, auch wenn sich an den Rahmenbedingungen des Handels mit Großbritannien seither noch nichts geändert hat.

Quellen: Niedersächsisches Landesamt für Statistik, BMWI


Grafik: Wirtschaftsbeziehungen Deutschland UK  
Quelle:BMWI
Brexit  

Die Handelsbeziehungen zwischen Niedersachsen und Großbritannien in Zahlen

2016

- Niedersachsen handelte im Jahr 2016 Waren und Dienstleistungen im Gesamtwert von 10,03 Milliarden Euro mit Großbritannien.
- Dabei betrug die Summe der Importe 3,64 Milliarden Euro (4,5 Prozent Anteil an den Impor­ten nach Niedersachsen).
- Waren aus Niedersachsen wurden im Wert von 6,39 Milliarden Euro nach Großbritannien exportiert (7,5 Prozent der niedersächsischen Exporte).

2017

- Die Summe der im Jahr 2017 mit Großbritannien gehandelten Waren und Dienstleistungen erreichte mit 9,94 Milliarden Euro fast den Umfang des Vorjahres.
- So betrug die Summe der Importe im vergangenen Jahr 3,58 Milliarden Euro, der Anteil am Gesamtimport sank damit von 4,5 Prozent (2016) auf 4,0 Prozent.
- Im Gegenzug wurden Waren im Wert von 6,36 Milliarden Euro nach Großbritannien expor­tiert. Damit ging der Anteil von 7,5 Prozent (2016) auf 7,2 Prozent zurück.

Erstes Halbjahr 2018

- Im ersten Halbjahr des laufenden Jahres betrug die Summe der gehandelten Waren und Dienstleistungen insgesamt 5,68 Milliarden Euro.
- Darin enthalten sind Importe aus Großbritannien in Höhe von 1,95 Milliarden Euro.
- Bis Ende Juni 2018 wurden Waren im Gesamtwert von 3,73 Milliarden Euro nach Großbritannien exportiert.
- Die Zahlen für sich genommen lassen auf einen weiterhin stabilen Handel mit Großbritannien schließen. Allerdings hat der Warenverkehr mit anderen Ländern innerhalb und außerhalb der EU in dem beschriebenen Zeitraum teilweise stark zugelegt.

Quelle

Quelle für alle in diesem Artikel genannten Zahlen ist das Landesamt für Statistik Niedersachsen.

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