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Effizientere IT-Struktur schafft Basis für modernes eJustice

Justizverwaltung ist Vorreiter bei Neustrukturierung der IT


Dr. Ralph Guise-Rübe
Dr. Ralph Guise-Rübe

Man setzt auf Bekanntes und macht doch etwas völlig Neues: Als einzige Verwaltung Europas werden die 15.000 Arbeitsplätze der niedersächsischen Justizverwaltung ab Frühsommer 2006 mit "Windows Vista" ausgestattet, dem Nachfolgeprogramm von Windows XP – und zwar vor der geplanten offiziellen Markteinführung Ende 2006.

Dass Anwendungen und Nutzeroberfläche den Bedürfnissen der Verwaltung Rechnung tragen, dafür sorgt ein enger Kontakt der Niedersachsen zu den Entwicklungsteams im amerikanischen Seattle. Gleichzeitig ist die Migration des Betriebssystems im Projekt mit@justiz Anstoß für eine strukturelle Neuausrichtung der IT in der niedersächsischen Justizverwaltung, die damit dem Land vorangeht.

Seit vielen Jahren arbeiten die Beschäftigten der Justiz auf ihren Personalcomputern mit dem Betriebssystem "Windows NT 4.0", unter dem zahlreiche Fachanwendungen laufen. Die schnelle Entwicklung im Software-Bereich und die Ankündigung des Herstellers, die technische Unterstützung für NT 4.0 nach nunmehr zehn Jahren auslaufen zu lassen, machte eine Entscheidung für ein neues Betriebssystem nötig. "Grundsätzlich hätten wir uns auch für ein linuxbasiertes Produkt entscheiden können", sagt Dr. Ralph Guise-Rübe, Referatsleiter für den IT-Bereich und elektronischen Rechtsverkehr im Niedersächsischen Justizministerium. Intensive Gespräche mit dem Softwarehersteller Microsoft führten schließlich im Juni 2004 zu einem Kooperationsvertrag mit den Amerikanern. Kernpunkt: Die Justizverwaltung überspringt das momentan auf dem Markt gängige Betriebssystem "Windows XP" und führt "Windows Vista" ein, das sich noch in der Erprobungsphase befindet. Ein Entwicklungsprogramm von Windows Vista, eine so genannte Beta-Version, wird bereits am Oberlandesgericht Celle getestet. Ergebnisse der Erprobung fließen in die endgültige Version von Windows Vista ein; dafür sorgt die Unterstützung von Microsoft Consulting Services.

"Wir sind mit Windows Vista technisch auf dem neuesten Stand und sparen außerdem Schulungskosten", sagt Ralph Guise-Rübe, "weil wir nicht erst auf Windows XP, ein Produkt am Ende seines Lebenszyklus, umstellen müssen." Nur zwölf Unternehmen und Organisationen weltweit, darunter in Deutschland z.B. auch der TÜV Nord und Daimler Chrysler, haben die Möglichkeit, bereits in dieser frühen Phase mit Microsoft eng zusammenzuarbeiten. Die Justizverwaltung Niedersachsens ist die einzige Verwaltung in Europa, die diesem Kreis angehört. Offiziell wird Vista voraussichtlich erst Ende 2006 am Markt erhältlich sein.

Das Projekt mit@justiz (Migration der Informationstechnik in der niedersächsischen Justiz) ist jedoch kein reines Technologieprojekt. Vielmehr verfolgt die Justizverwaltung ein weiteres, übergeordnetes Ziel: Der bislang dezentral organisierte IT-Betrieb wird weitgehend zentralisiert. Eine zentrale Stelle in Wildeshausen, der Service-Desk, soll zukünftig alle 15.000 PC-Arbeitsplätze der Justiz im Land betreuen. Voraussetzung dafür ist ein komplexes System, mit dessen Hilfe die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Service-Desks jedes einzelne Problem erfassen, die Lösung überwachen und allgemeine Schlussfolgerungen daraus ziehen. Man geht davon aus, dass 60 bis 70 Prozent aller Störungen zentral behoben werden können. Dazu gehören die Handhabung von Fachverfahren ebenso wie technische Probleme mit Soft- und Hardware. "Wenn zum Beispiel mein Drucker nicht mehr funktioniert, kann der Service-Desk meinen PC auf einen anderen Drucker umschalten", sagt Referatsleiter Guise-Rübe. "Ziel ist es, den Nutzerplatz so schnell wie möglich wieder arbeitsfähig zu machen." Die eigentliche Reparatur könne dann ohne Zeitdruck ablaufen. Bisher hatte jede Dienststelle ihren eigenen IT-Service. Auch in Zukunft werden diese Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen für die übrigen Betreuungsaufgaben gebraucht. Die Systemadministratoren werden regionale Betreuungsteams bilden und für ein geografisch größeres Gebiet zuständig sein als bisher. Denkbar wären die elf Landgerichtsbezirke.

Nach der Reorganisation der Betriebsstrukturen sollen landesweit drei zentrale Einheiten die gesamte IT der Justizverwaltung betreuen und steuern: Neben dem Service-Desk und den regionalen Betreuungsteams wird ein Technisches Betriebszentrum am OLG Celle als weitere wichtige Säule installiert. "So lässt sich auch Software zentral und schnell, quasi über Nacht, auf sämtliche Arbeitsplatzrechner verteilen; das spart erhebliche Aufwände", erläutert Dr. Ralph Guise-Rübe. Bisher habe man "das Potenzial moderner Technik mit Möglichkeiten wie z.B. zentraler Administration, Fernzugriff auf Rechner, automatisierter Softwareverteilung, proaktiver Serverüberwachung" nur begrenzt genutzt, wie es analysierend im EDV-Länderbericht vom Sommer dieses Jahres heißt. "Früher haben wir reagiert, wenn etwas Neues auf den Markt kam, in Zukunft werden wir die IT nach einem ganzheitlichen Ansatz ausrichten und strukturiert vorgehen, also proaktiv", sagt Dr. Guise-Rübe.

Und der Nutzer? Bei aller Beschäftigung mit der technischen Umsetzung stehen letztlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Justizverwaltung im Focus. Vor allem auch ihren Erwartungen nach einer hoch effizienten Informationstechnologie mit transparenten Betriebsprozessen gerecht zu werden ist eins der wichtigsten Ziele, die das Projekt mit@justiz verfolgt. Erst die Implementierung dieser IT-Infrastruktur schafft eine einheitliche Basis für einen ganzheitlichen elektronischen Rechtsverkehr (eJustice).

Birgit Freudenthal
ReformZeit Nr. 4/ Dezember 2005

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